Das Spreeufer

Das Spreeufer

Steht man auf der Hansabrücke in Tiergarten/ Moabit und schaut auf das Wasser, dann fällt der Blick zu beiden Seiten der vielbefahrenen Brücke auf einen ungewöhnlich idyllischen und ursprünglich erhaltenen grünen Uferabschnitt der Spree, die sich hier durch einen, ansonsten stark von Baustellen und Verkehr belasteten Bezirk schlängelt.

Spreeufer Richtung Bellevue
Spreeufer Richtung Spreebogen/ Bellevue

Folgt das Auge dem Verlauf der Altonaer Straße in Richtung Hansaplatz, dann kann man hinter der OASIS Großbaustelle und der S-Bahnbrücke bereits die Goldelse in der Ferne aufblitzen sehen. Richtung Südwesten, über das Wasser, ist eine schmale gelbe Brücke zu erkennen, der Wullenwebersteg. Der Bereich zwischen ihm und der Hansabrücke ist, trotz der im Hintergrund bedrohlich aufragenden Baukräne, ein kleines Naturkleinod.

Blick von der Hansabrücke
Blick über die Spree auf den Wullenwebersteg.

Hier kommen Tag für Tag Groß und Klein, vorwiegend aus den Bezirken Moabit und Tiergarten zusammen, um spazierenzugehen, auf weichem Boden zu joggen, zu radeln, den Hund auszuführen, mit den Kindern zu spielen oder Enten zu füttern. Senioren walken, weniger mobile Menschen schieben ihren Rollator am Ufer entlang. Dazwischen suchen Spatzen, Meisen, Amseln Futter und Schutz, ein Buntspecht klopft nach Insekten, ein Eichhörnchen huscht über den Weg und den dicken Stamm eines Baumes hinauf. Es ist ein friedliches Miteinander an den gegenüberliegenden Spreeufern, und dazwischen erfreuen sich unzählige Touristen auf weißen Spreeschiffen an diesem friedvollen Großstadt-Anblick. Eine bessere Imagewerbung kann es für Berlin nicht geben.

Schleswiger Ufer mit Touristenschiff
Blick vom Hansa-Ufer auf das Schleswiger Ufer mit Touristenschiff

Das hat viele Jahrzehnte auch so funktioniert. Wunderschöne kräftige Bäume wie Trauerweiden, Ahornbäume, Kastanien, konnten hier wachsen  und prägen nun diese herrliche Uferlandschaft. Menschen sitzen bis in den späten Herbst im Schutz der Bäume auf den Grünstreifen und lesen, machen Musik, reden miteinander, oder schauen einfach den vorbei ziehenden Schiffen zu.

Erholung am Spreeufer vor dem Kahlschlag
Erholung am Spreeufer vor dem Kahlschlag

Noch, denn dieses Naherholungsgebiet, dieser grüne Lebensraum für Mensch und Tier, dieses Stück Uferlandschaft an der Spree, das dem Herzen Berlins ein lebendiges und ein menschliches Antlitz verleiht, ist nun massiv bedroht und bereits stark angeschlagen.

Blick auf das Schleswiger Ufer
Der Bereich des Schleswiger Ufers vor der Fällung
Schleswiger Ufer vor dem Kahlschlag
Das Schleswiger Ufer vor dem Kahlschlag

Denn am 09. Januar 2018 tauchen in aller Frühe Arbeiter mit Motorsägen und anderem schweren Gerät auf. Sie sägen binnen einen Tages sieben große, kräftige Bäume nieder und verarbeiten sie noch vor Ort zu Sägemehl. Den ganzen Tag müssen die Anwohner mitansehen und mitanhören, wie ihre Bäume unter dem Motorsägenlärm und dem Lärm der Schredderer sterben. Es bleiben nur ein paar dicke Stämme zurück, die schon am übernächsten Tag ebenfalls verschwunden sind, und fassungslose, überrumpelte Anwohner.

Baumfällarbeiten am Schleswiger Ufer
Baumfällarbeiten am Schleswiger Ufer

Die schöne Uferlandschaft hat nun eine große Narbe. Die darauffolgenden Tage sind davon geprägt, dass immer wieder Menschen an ihr Ufer kommen, wo noch Tage zuvor stolze Trauerweiden und andere kräftige Bäume gestanden haben und nun nur noch Ödnis sie enpfängt. Sie können es nicht fassen, wie so etwas geschehen konnte.

Am nächsten Tag
Am nächsten Tag

Heute nun herrscht in dem Bereich gähnende Leere. Tage später entfernt ein Arbeiter auch noch ein paar Büsche und Hecken.

Das Schleswiger Bereich im Kahlschlagbereich heute
Das Schleswiger Ufer im Kahlschlagbereich heute

Die Erklärungen für den brutalen Kahlschlag gegenüber der Bürgerinitiative „Rettet das Spreeufer“, die sich schon kurz nach dieser Aktion gründet, sind vielfältig und teils auch widersprüchlich. In erster Linie wird aber der geplante überregionale Spreeradweg als Anlass angeführt, der als 4 Meter breite Asphaltbahn, E-Bikern und radelnden Touristen aus anderen Bundesländern, eine möglichst freie und schnelle Fahrt durch unseren Bezirk mit Blick aufs Wasser ermöglichen soll.

Zuletzt nun aber heißt es, dass die Bäume gefällt werden mussten, damit als bauvorbereitende Maßnahme nach Bomben gesucht werden konnte. Befremdlich für die Anwohner ist aber, dass an der Stelle dann gar nicht gesucht wurde, sondern rund fünfzig Meter von dem Kahlschlagareal entfernt.  Die Arbeiter suchten dort an zwei Tagen nach einer einzelnen Bombe, die angeblich an dieser Stelle vermutet wurde. Es wurde keine Bombe gefunden.